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FTD.de,
10.04.2008
Der
globale Bluff
von Axel
Gloger
Billig ist
was anderes: In ihrem Buch "Die Outsourcing-Falle"
rechnen zwei Berater genau nach, was deutsche
Unternehmen die Verlagerung ins Ausland wirklich
kostet.
Der Textilfabrikant wollte es ganz schlau machen.
100.000 Euro im Jahr kostet ihn der Elektriker in
seinem Betrieb. "Diese Ausgaben lassen sich
einsparen", sagt der Unternehmer und streicht den
Arbeitsplatz; fortan übernimmt ein externer
Installateur die anfallenden Jobs. Fünf Jahre später
wird nachgerechnet, Ergebnis: 150.000 Euro jährlich
kosten allein die Arbeitsstunden, Material geht noch
extra.
Für Fälle wie diesen hat Johanna Joppe nur ein müdes
Lächeln übrig. "Outsourcing, das ist der große
Bluff", sagt die Beraterin. "Vernichtetes Kapital,
extremer Verschleiß von Führungskräften,
Gewinneinbrüche, die keiner erklären kann, Ruin des
Unternehmens", zählt sie auf, was alles passieren
kann, wenn Aufgaben aus einem Betrieb an Dritte
ausgelagert werden.
Joppe und ihr Co-Autor Christian Ganowski haben ein
Manifest gegen Outsourcing und Jobverlagerung
verfasst: Wer nach China oder in andere Länder
auslagert, spielt mit dem Feuer. Ihr neues Werk mit
dem Titel "Die Outsourcing-Falle" ist ein
Schwarzbuch zum Thema - es liefert all jenen die
richtigen Argumente und Anekdoten, die schon immer
gegen den Standort im Billiglohnland waren. Größtes
Problem in vielen Unternehmen: "Keiner rechnet mehr
nach, was Outsourcing wirklich kostet", schimpft die
Autorin. Stattdessen folgen alle, die noch nicht im
Niedrigkosten-Ausland produzieren, dem allgemeinen
Herdentrieb. China, Indien und Rumänien müssen gut
sein, sonst wären ja nicht schon so viele
Unternehmen dort vertreten, so lautet die
verbreitete Haltung.
Entscheidungen über Outsourcing und Jobverlagerung
werden von den Vorständen politisch gefällt, auch
wenn die Controller meutern. Dazu haben sie guten
Grund - die Zahlendreher sind die Einzigen, die noch
nachrechnen. Sie stellen fest: Mitarbeiter am neuen
Standort im Billigausland müssen geschult werden,
die Kosten dafür werden aber nicht unter
"Jobverlagerungsprojekt" verbucht, sondern aus dem
Topf der Weiterbildungsabteilung bezahlt. Dasselbe
passiert mit den Beratungs- und
Kommunikationskosten. Die enormen Reisekosten und
Spesen trägt ebenfalls nicht das Projektkonto,
sondern die Abteilung, aus der der reisende
Mitarbeiter kommt. "So rechnet man sich Outsourcing
schön", sagt Joppe, "manches Unternehmen weiß bis
heute nicht, ob sich der Standort in China rechnet
oder nicht."
Als hätte die Autorin sie bestellt, stützt eine neue
Studie ihre Thesen. "Für jedes dritte deutsche
Unternehmen rechnet sich die Beschaffung in China
nicht", zieht Harald Kayser vom Wirtschaftsprüfer
PwC das Fazit aus einer Analyse, die er gemeinsam
mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf
und Logistik (BME) durchgeführt hat. Von den gut 200
untersuchten Unternehmen rechnete ein Drittel noch
nicht einmal die Transportkosten nach.
Wer auslagert, etwa in die Türkei, nach Indien,
China oder die USA, muss außerdem mit Ideenklau
rechnen. Weder die Kosten dieses Risikos noch jene
für den Schutz gegen solche Schäden werden
mitgerechnet, wenn Unternehmer einer Kostensenkung
von 50 Prozent nachjagen. Überdies lauern versteckte
Zeitkosten. Ein Behördengang etwa in Indien dauert
schon mal einen halben Tag, und man muss mehrmals
hin, um einen der begehrten Stempel zu bekommen. Da
kommen schnell erhebliche Summen zusammen - immerhin
kostet der deutsche Manager, der sich in die
Schlange auf dem Amt in Mumbai stellt, um die 1000
Euro am Tag.
Ebenfalls für die Kunden von IT-Dienstleistern wie
Accenture, EDS, Capgemini oder IBM hat Joppe
schlechte Nachrichten: Hier ist Outsourcing mitunter
teurer als gedacht, denn die IT-Anbieter treiben es
so ähnlich wie der Supermarkt um die Ecke. Nur das
Stück Butter gibt es zum Lockvogelpreis von 69 Cent,
alles andere ist richtig teuer.
Leser, die Günter Oggers Stil mögen, werden an dem
Outsourcing-Schwarzbuch ihre Freude haben. Denn
Joppes Traktat ist ein Reißer, ganz wie seinerzeit
Oggers Bestseller "Nieten in Nadelstreifen". Sie
schreibt in einem atemlosen Erzählstil, der das
Weglegen des Buches schwer macht, bevor die letzte
Seite verschlungen ist. Die gute Lesbarkeit ist
freilich nicht umsonst zu haben - sie geht
streckenweise auf Kosten der Substanz. So gibt es
kaum ein Firmenbeispiel, bei dem Ross und Reiter
offen genannt werden. Mit Sätzen wie "Die
Globalisierung liefert Murks, aber billig" liefert
das Schreiberduo zwar eine gute Verkaufe, aber
schlauer wird der Leser dadurch nicht. Dennoch
sollte jeder Geschäftsführer das Buch lesen, bevor
er zur nächsten Reise Richtung Osten aufbricht.
©FTD.de,
10.04.2008
2008 Financial Times Deutschland
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